Donnerstag, 3. April 2025

Vibe Coding

Es kommt nicht mehr oft vor, dass eine neue Art der Software-Programmierung erfunden wird, aber es kommt vor, zuletzt im Februar 2025 durch Andrej Karpathy, einen slowakisch-kanadischen Software-Entwickler und ehemaligen Manager von Tesla und OpenAI. Der neue Programmier-Stil wurde von ihm in einem Posting im Social Nework X zum ersten mal beschrieben und Vibe Coding genannt. In kurzer Zeit erreichte er weitgehende Bekanntheit. Hier ist seine Beschreibung:



Zu Deutsch: Vibe Coding benötigt eine künstliche Intelligenz mit Spracherkennung. In der Interaktion mit dieser gibt man sich ganz seiner gegenwärtigen Stimmung (den Vibes) hin, äussert Wünsche und Vorstellungen und und lässt die KI auf diese Weise fast ausschliesslich durch Spracheingabe ein Stück Software erstellen, das dann irgendwann mehr oder weniger fertig und lauffähig ist. Mit Karpathys eigenen Worten: "just see stuff, say stuff, run stuff, and copy paste stuff, and it mostly works".


Aufbauend auf diesen Beitrag kam es in kurzer Zeit zu zahlreichen Artikeln in Medien wie Fortune, Forbes, TechCrunch und New York Times, die grossteils den selben Tenor hatten: Programmieren lernen ist nicht mehr nötig, auch als Laie kann man jetzt Software erstellen. Viele dieser Beiträge waren ausserdem verbunden mit marktschreierischen Verheissungen (jeder kann jetzt ein Startup gründen und reich werden) oder Untergangsszenarien (alle Entwickler werden bald arbeitslos sein).


Dass all das erkennbar an der Realität vorbeigeht hätte man dabei bei einem sorgfältigeren Lesen von Karpathys Post leicht erkennen können. Wie er selbst schreibt und wie kritische Stimmen bald anmerkten führt Vibe Coding dazu, dass selbst der "Urheber" nicht mehr genau sagen kann, wie sein Code entstanden ist und was er im Detail tut. Im besten Fall führt dieser Blindflug zu vielen kleinen Bugs, im schlechtesten Fall zu schweren Fehlfunktionen. Zum Herumspielen ist das gut, zu mehr aber nicht.


In diesem Herumspielen steckt allerdings auch eine Potential, das man nicht verachten sollte: mit Vibe Coding erstellte Anwendungen taugen zwar nicht für echte Markt- oder Produktions-Anwendungen, was sie aber sein können sind erstaunlich realitätsnahe Prototypen, mit denen man in Product Discovery oder Lean Startup Nutzerbedürfnisse und Nutzungsbereitschaft evaluieren kann, um sich dann schnell dem Bedarf anzupassen - frühe Entwicklungsphasen lassen sich so deutlich beschleunigen.


Und was ebenfalls oft nicht ausreichend beachtet wird: das "Programmieren" mit Hilfe gesprochener Prompts führt dazu, dass Anforderungen wesentlich klarer und präziser formuliert werden müssen als das in den meisten klassischen Anforderungs-Dokumenten der Fall ist, die oft eher kryptisch, verschachtelt und inkonsistent sind. Am Ende hat man im Vibe Coding also gleich zwei Ergebnisse - einen vorführbaren Prototyp und klarer formulierte Wünsche und Anforderungen.


Natürlich entspricht das bei weitem nicht den oben genannten, durch marktschreierische Berichterstattung hervorgerufenen Erwartungen oder Befürchtungen. Es ist aber in mehrfacher Hinsicht eine deutliche mögliche Verbesserung im Vergleich zum Ist-Zustand. Um eine Prognose zu wagen: als Buzzword wird Vibe Coding wieder verschwinden, die möglichen Mehrwerte werden aber bleiben und auf einem geringeren Aufmerksamkeits- und Verheissungsniveau zu deutlichen Verbesserungen führen.

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